Enchant – The Great Divide

Review

Vorgeschichte zu Enchant – The Great Divide

Ziemlich genau 11 Jahre ist es her, dass Enchant ihre Fans mit ihrem letzten Studio-Album „Tug of War“ 2003 beglückte. Mit der Live-CD „Live at Last“ im Jahr darauf verabschiedeten sich Sänger Ted Leonard, Gitarrist Douglas Ott, Bassist Ed Platt, Schlagzeuger Sean Flanegan und Keyboarder Bill Jenkins für eine lange Zeit von der Bildfläche. Nun sind sie mit „The Great Divide“ zurück.

Gewollt und geplant war die lange Pause, laut Gitarrist und Produzent Douglas Ott in einem ProgReport Interview vom 17.09.14, nie gewesen. Viel mehr kam der Band das Leben, mit Hochzeiten, Scheidungen, Kindern und weit von einander entfernten Wohnorten dazwischen. Man traf sich immer mal wieder zum Musizieren, doch dann tat sich monatelang wieder nichts.

Der Wendepunkt war ein kleiner Auftritt von Enchant 2011 im Rahmen des 40. Geburtstags von Sänger Ted Leonard. Die Musiker merkten, welche große musikalische Verbundenheit sie miteinander teilen, so dass die Motivation für neues Enchant-Material zu wachsen begann und schließlich, nach mehrfachen Ankündigungen, im September 2014 zum neuen Studioalbum „Enchant – The Great Divide“ führte.

Das Album „Enchant – The Great Divide

Mit voller Vorfreude auf das neue Material legte ich mich mit Kopfhörern und Notizblock auf meine Couch und startete den Opener „Circles“. Schon passierte es. Enchant zog mich sofort in ihren Bann, als wären sie nie lange weg gewesen. Mit alt bekannten Sounds und Keyboard-Soli war ich sofort „verzaubert“ und tauchte ab in die einzigartige Atmosphäre, die bisher nur diese Band zu erschaffen vermag. Es gibt viele Bands, die wie Dream Theater klingen, aber welche andere Band klingt wie Enchant?

Statt fleißig Notizen zu den einzelnen Instrumenten und Parts der Songs zu machen, trieb ich einfach von einem schönen Song zum nächsten. Und das meine ich sehr positiv. Es spricht für die Band, denn kein Musiker sticht als Einzelheld heraus. Es erklang mir sogar so ausgeglichen, dass mir schon der Bass präsenter war, als das Schlagzeug und das sage ich selbst als begeisterter Schlagzeuger.

Der Titel-Song „The Great Divide“ gilt es an dieser Stelle besonders herauszustellen, denn hier hört man den wohl ältesten Enchant-Song, den Douglas Ott mit 17 Jahren geschrieben hat. Erst jetzt fand diese Idee Anklang bei den Mitstreitern und wurde in einem zweiwöchigen Entwicklungsprozess endlich vollendet. (Quelle: Interview) Der Song beginnt mit einem deftigen vom Bass getriebenen Riff, dessen Lead-Melodie sofort ins Ohr geht. Kombiniert mit angenehmen gefühlsvollen und eingehenden Strophen, die für Enchant typisch sind, schließt diese Komposition nach etwa 9 Minuten wohlfühlend ab. („The Great Divide“ kann derzeit bei Soundcloud als Stream gehört werden.)

Ein weiterer Song der mir persönlich sehr gut gefällt ist „Life in a Shadow“. Der Hörer bekommt hier pures Enchant-Feeling gepaart mit rockigen, nach vorne treibenden Parts geboten, die mich positiv an Transatlantic und Vertical Horizon erinnern. Ted singt hier nicht ganz so hoch, wie üblich, was mir auch sehr gut gefällt. Insgesamt ein sehr kompakter Song, auf den es sich Live mit Sicherheit gut abrocken lässt.

Die Produktion

Produziert wurde auch dieses Album wieder von Gitarristen Douglas Ott im eigenen Studio. Neu war allerdings, dass sich Doug nach eigenen Angaben (Interview) zum ersten mal im Songwriting als Mastermind zurückhielt, um seinen Bandkollegen mehr Einflussmöglichkeiten zu bieten. Er schrieb zwar die meisten Songs, arbeitete aber nicht alle Parts für alle Instrumente aus, sondern konzentrierte sich auf die Gitarre. Ich betrachte diese Entscheidung als sehr klug mit einem merklich frischen Endergebnis.

Die Anfangs erwähnte große räumliche Distanz zwischen den Musikern führte bei dieser Produktion dazu, dass Ted Leonard seine Gesangsparts komplett im eigenen Heimstudio aufnahm und seinen Kollegen per Clouddienst verfügbar machte. Doug bemerkte dazu, dass er zum erstenmal ein Enchant-Album prodzuierte, bei dem er Ted nicht ein einziges Mal im Studio traf. Diese Art und Weise der Produktion ermöglichte es dann schließlich in nur zwei Monaten (April/Mai 2014) die Aufnahmen in kurzer Zeit vollständig abzuschließen.(Quelle: Interview)

Fazit

Es macht in jedem Fall Spass wieder neues Material von Enchant zu hören. Es gibt immer wieder in jedem Song etwas Neues zu entdecken, aber auch Altbewehrtes kommt selten zu kurz. Ganz im Gegenteil zum neuen Album „Second Nature“ von Flying Colors, wo ich an den Fingern aller Allstars hänge, gibt mir Enchant die Freiheit mich zurückzulehnen und entspannt den Klängen zu folgen. Dabei schafft es die Band mit Bravour schöne Klänge und kniffelige Progelemente zu kombinieren ohne dabei anstrengend oder aufdringlich zu wirken.

Ich muss allerdings zugeben, dass mich der Suchtfaktor bei diesem Album nicht gepackt hat. Es mag daran liegen, dass es in Ruhe am besten zur Geltung kommt. Es ist nichts für zwischendurch.

„The Greate Divide“ ist ein würdiges „Coming Back“ – Album von Enchant. Das nächste Werk sollte nur allerdings nicht zu lange auf sich warten lassen. Auf eine Tour können wir uns, laut Aussage von Ted Leonard, den wir am 11.09.14 nach dem Spock’s Beard Konzert in Köln kurz sprechen konnten, vorraussichtlich im Frühling nächsten Jahres freuen.

Album-Bewertung (Sebastian)
Interpret/Album: Enchant – The Great Divide
Label: Inside Out Music
Punkte: 9 von 10

Ein Zweiter Blick auf’s Meer

Meinung zu Enchant – „The Great Divide“

Nachdem Sebastian einen ausführlichen Review der neuen Enchant-Platte „The Great Divide geschrieben hat, wollte ich auch noch einmal meine Meinung zu dem Album zusammenfassen. Im Großen und Ganzen stimme ich Sebastian zu, wollte aber einige auch kritische Worte zusätzlich verlieren.

Die tragende Rolle der Rythmussektion

Die Platte ist bei oberflächlichem ersten Hören direkt eingängig und mitreißend. Auf der ganzen Platte sind Bass und Schlagzeug hier durchaus interessant und übernehmen eine tragende Funktion dafür, dass der Song „funktioniert“. Besonders bei „All Mixed Up“ und „Life in a Shadow“ übernimmt der Basslauf unter der Strophe eine Melodie-tragende Funktion.

Im Kreis

Leider „überlebt“ der Opening Track „Circles“ wiederholtes Hören nicht so gut. Zwar ist das Keyboardsolo bei Minute 7:00 sehr virtuos und auch das zweite Gitarrensolo bei 4:30 weiß zu gefallen, aber in weiten Teilen fällt der Gesang in einen Singsang, der mich schon gestört hat. Hierbei spielt das Keyboard etwas uninspiriert unter dem Gesang die Melodie mit, was den Effekt noch verstärkt. Der Versuch mit einem eingängigen Song zu eröffnen, ist meines Erachtens hier deutlich schief gegangen: der erste Song ist in der Regel auf einem Album auch der meistgehörte – sich hier wegen vermeintlicher Eingängigkeit für den mit Abstand schlechtesten Song zu entscheiden, halte ich für eine ziemliche Fehlentscheidung.

Es wird „great“

Die gute Nachricht aber: nach dem ersten Track gewinnt das Album deutlich an Stärke. Wirklich los ging es für mich ab dem dritten Track „The Great Divide“, der auch als Namensgeber der Platte fungiert. Mit einem sehr starken Drum/Bass-Opening, auch tollem Keyboardspiel im Intro und gefälligem mehrstimmigen Gesang im Refrain liegt hier ein Lied vor, das sicher stellenweise fast poppig wirkt, aber auch sehr viel balancierter als die ersten beiden Tracks ausfällt. Das Stück, das fast an alten Spock’s Beard erinnert hebt für mich den Wert des Albums enorm: ab hier wirkt das Album stimmig und qualitativ sehr hochwertig. Hervorzuheben wäre aus den verbleibenden sechs Stücken noch „Deserve to Feel“ mit einem streckenweise schönen Zusammenspiel von Gitarre und Bass (3:30) und einem „Duell“ von Keyboard und Gitarre das sehr mitreißend und hörenswert ist. Mit „Prognosticator“ schließt Enchant das Album mit einem in Dream Theater-Gefilde vorstoßenden Lied mit abermals tollen Keyboard-Parts und schönen Schlagzeug/Bass-Passagen das Album ab.

Wertung (Daniel): Es handelt sich um ein immer gutes, streckenweise großartiges Album, aber mit identifizierbaren Schwächen. Daher: knappe 8/10