Flying Colors – Live in Frankfurt

Vorfreude

“Das einzige Konzert in Deutschland” – So etwas lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Bereits im Juli bestellten wir die Karten vor und freuten uns auf das gestrige Konzert, obwohl wir nicht einmal das neue Album zu diesem Zeitpunkt gehört hatten. Die Vorschusslorbeeren gaben wir ohne Bedenken, denn das Konzert 2012 in Köln im gemütlichen Gloria hatten wir noch in sehr positiver Erinnerung. Als wir dann das Album Ende September in die Finger bekamen, war, wie ihr unserem CD-Review “Flying Colors – Second Nature” entnehmen könnt, eindeutig klar: Das Konzert wird sehr genial werden!

Auf der Fahrt nach Frankfurt stimmten wir uns bereits mit OpethPale Communion” und Steven Wilson “Raven that Refused to Sing” ein. Man soll gar nicht meinen, wie viel Verkehr in Frankfurt an einem Samstag Nachmittag herrscht?! “Mit Sicherheit wollen alle zu Flying Colors”, vermuteten wir scherzhaft 😉 Im Gewerbegebiet angekommen, gesellten wir uns dann aber zu den anderen 50 früh angereisten Fans vor dem Club “Batschkapp”. Den Nummernschildern der parkenden Autos zu urteilen, reisten die meisten aus weiten Teilen Deutschlands an. Zu unserer Verwunderung wurde es recht schnell voll um uns herum. Waren es doch 2012 nur ca. 150 Fans, die Mike Portnoy, Neal Morse, Steve Morse, Dave LaRue und Casey McPherson besuchten, warteten eine halbe Stunde vor Einlass mindestens genau so viele Musikliebhaber. Im Hintergrund vor dem Eingang in die Halle, etwa 250m von uns entfernt, hörten wir den Aufschrei der Meet&Greet Gruppe, die Bereits vor dem Konzert mit den Flying Colors ihren Spaß hatten. Warum hatten wir nochmal keine M&G Karten geordert? Nächstes Mal mit Sicherheit!

Batschkapp Flying Colors Schlange

Batschkapp Flying Colors – Fans stehen in Reih & Glied

Etwa eine viertel Stunde nach dem offiziellen Einlasstermin machten sich um 17:15 Mitarbeiter des Batschkapps allmählich daran, den Einlass vorzubereiten. Offensichtlich der Chef, so präsentierte er sich jedenfalls, hiefte sich über das Eingangstor und machte uns allen direkt klar, wer hier das Sagen hat. “Wenn wir jetzt das Tor aufmachen, lauft mir ruhig hinterher und überholt mich nicht. Da hab ich keinen Bock drauf. Stellt euch in Zweiereihen vor den den Eingang” – Der Chef muss Eindruck gemacht haben, denn wir ihr auf dem Foto seht, waren die furchteinflößenden Metaller alle brav und folgten General Batschkapps Befehlen.

Es ging natürlich nicht wie zu erwarten gewesen wäre, die Einlassprozedur weiter, sondern wir warteten erstmal noch 20 Minuten vor er Tür, bis man uns rein ließ.

Die Location

Batschkapp Club

Batschkapp Club

 

Die Location “Batschkapp” hatte für uns Premiere. Der erste Eindruck war sehr gut. Uns begrüßte eine recht große rechteckige längliche Halle mit großer Bühne zu unserer Rechten und zwei großen Getränketheken einmal in der Mitte außen und im hinteren Teil der Halle. Über uns gab es noch eine Empore, die allerdings wohl an dem Abend nicht freigegeben war.  Nach langer Fahrt und der Warterei brannten uns die Kehlen und wir stürmten als erstes zur Bar. Der nette Kellner ließ sich auf keinen unserer blöden Scherze ein und verkaufte uns die bestellten Getränke zu happigen Disco-Preisen (Bier 0,4 € 5,- / Cola 0,4 € 4,-). Fette Preise, aber Hauptsache der Sound stimmt, was er nach der Vorband auch tat; ein Glück: alle Instrumente waren einzeln und ohne Probleme herauszuhören und verschwanden eben nicht in einem Brei, wie es sonst auch auf schlecht abgemischten Platten auch schon mal der Fall ist.

 

Der Merch-Stand

Spock's Beard Drumfell Merch

Spock’s Beard Drumfell Merch

Die Getränke schlürfend trudelten wir mit ein paar anderen Fans am Merchandising-Stand ein. Mit voller Vorfreude suchte Sebastian nach einem signierten Drumfell, wie er es von Spock’s Beard in Köln erworben hatte. Das sollte dann aber 40 Euro kosten!!! Für ein gespieltes Drumfell mit einem Autogramm und verschmiert gekritzeltem “FLYING COLORS” Schriftzug wirkt das echt übertrieben. Nur mal so zum Vergleich: Spock’s Beard hatten liebevoll das Logo aufgemalt und alle Bandmitglieder unterschreiben lassen und das Ganze gab es für 20 Euro. Die Preise setzen sich auf hohem Niveau fort: ein Drumstick 25€, ein T-Shirt 30€ (2012 noch 20€), eine Vinyl-Ausgabe von “Second Nature” mit allen Autogrammen 60€. Gut, Flying Colors mögen von den Einzelkarrieren der Mitglieder eine Liga über Spock’s Beard angesiedelt sein, aber Rolling-Stones-Preise können sich auch Flying Colors nicht leisten. Wir kauften nichts.

Der Grund für die Preise ist allerdings auch schnell erklärt: wie wir hinterher im Auto durchrechneten, kann bei vielleicht 300 Zuschauern und 40 Euro Eintritt am Ende sicherlich kein großer Gewinn abfallen.

Die Vorband

Zum ersten Ton der Vorgruppe “John Wesley Band” hatte sich die Halle schon gut bis zur Hälfte gefüllt. Besonders auffällig war die hohe Frauenquote von geschätzten 10-15%, was für ein Prog-Konzert sehr hoch ist – aber wem erzählen wir das.

John Wesley Batschkapp

John Wesley Batschkapp

John Wesley, der auch Touring Gitarrist für Porcupine Tree ist, konnte mit gutem Rock überzeugen, hat uns aber andererseits nicht nachhaltig beeindruckt. Dies könnte auch an dem Sound gelegen haben, der zu dem Zeitpunkt zumindest etwas dröhnend klang. Was positiv hängen geblieben ist: der Bassist, der auch Chapman Stick spielte, hat an verschiedenen Stellen sein Können gezeigt.

Da das Ganze solide wirkte, hat es John Wesley auf unsere Liste mit zu hörenden Alben geschafft. Hierbei ist sicherlich hilfreich, dass sein Backkatalog an älteren Alben online umsonst verfügbar ist.

Flying Colors live 2014

Der Main Act des Abends präsentierte sich über das ganze Konzert hinweg als erwachsen gewordene Gruppe: die Fünf wirkten vielmehr als Einheit, die Dynamik in der Gruppe, aber auch die Abstimmung wirkte besser im Vergleich zum Konzert vor zwei Jahren.

Bereits das Vorgängeralbum hatte sich 2012 live gut gemacht. Die Songs von “Second Nature” wirken aber auch live noch einmal als deutliche Steigerung gegenüber der letzten Tour. Das Ganze wirkt einfach abwechslungsreicher, zugänglicher und gleichzeitig mit anspruchsvoll-progessiven Elementen.

Mike Portnoys Drumset - Flying Colors

Mike Portnoys Drumset – Flying Colors

Nach der Erfahrung der letzten Tour und zwei Sessions im Studio ist Casey nun auch deutlich sicherer und damit bühnenpräsenter – eine wichtige Steigerung im Auftreten des Frontmanns. Dennoch ist der dominante Star im Hintergrund immer Mike Portnoy – dies war bisher bei allen seinen Bands von Dream Theater bis Transatlantic der Fall und ändert sich auch in Frankfurt nicht. Wie auch bei Transatlantic kommuniziert Mike viel mit Neal Morse und macht seine Späßchen, beispielsweise wenn er beim gefühlt schnellsten Drumfill provokativ mit der Hand vor dem Mund in Richtung Neal gähnt. Neal andererseits wirkte in Frankfurt irgendwie abwesend und müde – in jedem Fall hat er sich mit Ansprachen an das Publikum zurück gehalten.

Steve Morse stand dagegen – wie gewohnt – in seiner Ecke auf ‘stage right’, kommt mal zu einem Solo etwas nach vorne und spielt immer herausragend gut seinen Stiefel ‘runter. Hiervon hat ihn auch ein Tennisarmverband an der Schlaghand nicht abhalten können.

Wie schon auf dem Album konnte aber wieder Dave LaRue mit seinem unglaublich songdienlichen, aber gleichzeitig nie langweiligen, sondern fast immer treibenden Bassspiel begeistern. Dave wirkt immer hochkonzentriert, zählt fast die ganze Zeit mit, interagiert aber auch sehr viel mit dem Publikum. Bei “Forever in a Daze” haben wir uns ob der zwischenzeitlichen Geschwindigkeit von Daves Zupfen begeistert angesehen; das klang dabei aber gleichzeitig nicht nachlässig, sondern so kraftvoll, dass es wie Slapping geklungen hat.

Von der guten Performance der Band hat sich gestern auch das Publikum anstecken lassen: die Stimmung war super und im Verlauf des Konzerts steigert sich die Publikumsbeteiligung spürbar.

DVD/Bluray Aufzeichnung

Während des Konzerts fielen uns bereits vier feste und zwei bewegliche Kameras auf. Das Konzert wurde offensichtlich mitgeschnitten. Es machte allerdings nicht den Eindruck, dass hier eine Profiproduktion am Werk war. Auch Mike Portnoy hätte uns vermutlich mehr Stimmung abverlangt, wie bei der Aufzeichnung zu Transatlantic – KaLIVEoscope in Köln, wäre es ernst gewesen. Mikes Twitter-Post nach zu urteilen, wird vermutlich das heutige Konzert in der Schweiz Grundlage für die nächste Flying Colors Live DVD.

Fazit

Flying Colors Verabschiedung

Flying Colors Verabschiedung

Schwer begeistert und voller positiver Energie verließen wir die Location “Batschkapp”und machten uns auf den langen Heimweg. Wir spürten deutlich, dass die Band ihren Weg und eigenen Stil mit dem zweiten Album “Second Nature” gefunden hat und nach zwei Jahren einen deutlich größeren Bekanntheitsgrad und Fans gewonnen hat. Rockten Flying Colors 2012 noch mit 150 Fans, tat sie es dieses Jahr mit mindestens 500 Musikverrückten. Es mag daran gelegen haben, dass es nur ein einziges Konzert in Deutschland gab, aber hätten es mehrere Konzerte gegeben, wären mit diese Sicherheit auch sehr gut besucht gewesen.

Spielten die Band 2012 noch recht schüchtern (außer Mike Portnoy 😉 ), traten die fünf Musiker dieses Mal sehr selbstbewusst, voller Spielfreude und spaßig auf der Bühne auf. Auch der Sound klang insgesamt satter und hatte mehr Druck.

Wir hoffen, dass die Band in 2015 nochmal auf Europatour geht, um die tolle Atmosphäre nochmals erleben zu dürfen. Die lange Anreise hatte sich gelohnt, das Konzert war genial!

Die Setlist zum Nachhören gibt es hier.