Flying Colors – Second Nature

Erste Eindrücke

Als Flying Colors vor einigen Wochen das Video zu Mask Machine vorab veröffentlichten, waren wir – nach dem ersten Eindruck – sehr skeptisch, in welche Richtung die ganze Platte gehen würde. Selbst nach wiederholtem Hören verfing der Song nicht. Nun ist aber das ganze Album da und selbst dieser scheinbar schwache Song wirkt im Kontext der Platte richtig gelungen.

Das Album klingt beim ersten Hören erfrischend, überraschend anders als erwartet: Das ist durchaus positiv! Es bietet gute Songs und Melodien, schöne Arrangements und lädt zum wiederholten Genießen ein. Vor Allem aber macht es Lust es live zu hören und mitzusingen. Wir freuen uns wirklich schon auf das Konzert am Wochenende!

Flying Colors – Second Nature baut auf dem Vorgänger-Album sinnvoll auf und entwickelt den Stil der Band in neue Richtungen. Soundmäßig sind alle Instrumente, von Gitarre und Bass, über Schlagzeug und Keys, bis hin zum Gesang sehr abwechslungsreich arrangiert. Interessant sind darüber hinaus die Zitate aus anderen Stilrichtungen in „A Place in Your World“ und „One Love Forever“. Das erstgenannte zitiert deutlich 1980er Pop-Rock-Balladen, während „One Love Forever“ mit einem an Folk-Geige erinnernden Keyboard- und Gitarrenspiel klare Bezüge auf Irish Folk/Folk-Rock nimmt, aber auch streckenweise an Toto erinnert. Dabei bleiben aber beide Lieder klar Flying Colors-Songs. Hier wird deutlich, was eigentlich durchgängig für die Platte gilt: Flying Colors nehmen Muster aus dem Classic Rock und Pop Rock auf und schaffen dadurch Eingängigkeit. Dabei sind die Lieder zwar nicht so offenkundig proggy, wie Spock’s Beard-Songs, aber es handelt sich auch nicht um gradlinigen Trio-Rock, wie beispielsweise bei Winery Dogs. Vielmehr liegt unter der gefälligen Oberfläche ein besonders gut arrangiertes Zusammenspiel von Meistern ihrer jeweiligen Instrumente. Hier wird deutlich: wenn jemals eine Band den Titel Supergroup verdient hätte, dann wohl Flying Colors! Dass die Lieder dabei nicht „aufdringlich“ wirken, wie es beispielsweise Dream Theater häufig vorgeworfen wird, liegt nicht daran, dass sich die einzelnen Musiker nicht auf Pop beschränken, sondern dass sie unter der poppigen Oberfläche progressive Aspekte immer nur dosiert und song-dienlich durchscheinen lassen. Allerdings verzichten viele Songs auf das Pop-übliche Strophe – Refrain – Strophe – Schema und bleiben abwechslungsreich.

Die Musiker

Das wichtigste zuerst: der Bass! Dave LaRue ist ein entscheidendes Rückgrat der Band. Dabei spielt er – wie ein guter Basser – so tight, präzise und passend, dass er gar nicht auffällt. Jedoch – symptomatisch für die Band – fällt beim genauen Hinhören auf, dass sich unter dem soliden Fundament einige schöne Läufe verbergen.

Ähnliches gilt für das Schlagzeug: Portnoy trommelt wie immer viel, aber auf diesem Album immer vor Allem im Dienste des Songs. Wie auch Dave hätte Mike vielleicht an ein paar mehr Stellen durchbrechen und etwas mehr frickeln dürfen, aber wir sind da als Drummer (Sebastian) und Basser (Daniel) vielleicht auch im Sinne der Rhythmussektion etwas voreingenommen.

Neal Morse zeigt auf „Second Nature“ teilweise deutliche Steigerungen. Sowohl stimmlich als auch das Keyboard betreffend zeigt er eine Vielseitigkeit, die gegenüber dem Debütalbum noch einmal eine Steigerung bedeutet.

Dass Steve Morse vielleicht einer der eingängigsten Rock-Gitarristen mit Virtuoso-Fähigkeiten ist, war ja schon vor dem Album klar. Auch auf „Second Nature“ ist sein Gitarrenspiel zuverlässig, passend und stellenweise genial. An nicht wenigen Stellen haben wir gedacht, dass „Second Nature“ dank der Qualität des melodiösen Spiels der Gitarre auch gut ein Instrumental-Album im Stil von Steves Soloalbum „Standing Out in Their Fields“ hätte werden können.

Casey McPherson fällt nicht negativ auf. Dies war beim letzten Album nicht durchgängig der Fall. Wie auch auf „Second Nature“ hatte McPherson auf „Flying Colors“ durchgängig gesanglich gute Leistungen erbracht. Auch stellt er stimmlich einen gewisse Abwechslung, aber leider keinen Kontrapunkt zu Neal Morse dar. Im Vergleich zum ersten Album aber sind McPhersons Parts deutlich stimmiger, er wirkt besser integriert in die Band. An einzelnen Stellen sind seine gesanglichen Entscheidungen allerdings etwas gewöhnungsbedürftig, beispielsweise die nur als „Gejaule“ zu bezeichnenden Parts im ansonsten starken und auch gesanglich guten Peaceful Harbor.

„Open Up Your Eyes“

Titel ist sehr passend: der Song wirkt wirklich Augen-öffnend, lädt gleichzeitig aber zu Tagträumen ein. Ein sehr schönes Piano-Intro führt direkt zu Beginn eine Melodie ein, bevor die Gitarre übernimmt und das Keyboard jazzig in den Hintergrund tritt. Der Bass ist hier sehr reduziert, spielt nur Grundtöne, bevor er schließlich mehr variiert und auch das Schlagzeug voll einsetzt. Durch die Keyboard-Schlenzer und Riff-Variationen wird das lange Intro, das eigentlich schon Gitarrensolo ist, dabei nie langweilig.

Gegen Ende des Gitarrenparts – nach einem Portnoy-typischen Drum-Fill – folgt erst einmal ein Bass-Solo und schließlich ein Keyboard-Part, bevor ein schönes Zusammenspiel von Rhythmusgitarre und Bass den Weg für den Einsatz des Gesangs ebnet (nach über vier Minuten). Der Bass bleibt weiter sehr präsent und groovt schön im Hintergrund. Caseys technisch guter und auch schöner Gesang wertet den Song noch einmal auf. Nach dem dritten wunderbaren Gitarrensolo wird das Thema aus dem Intro wieder aufgegriffen, der Song legt aber tempomäßig stark zu und so wird aus der getragenen Solomelodie auch dank des treibenden Schlagzeugs (wieder Portnoy-typisch gespielt) ein Metal-Riff. Ein schönes Zusammenspiel von zunächst Leadgitarre, dann Keyboard und Schlagzeug schließt den Song ab.

„Cosmic Symphony“

Cosmic Symphony beginnt mit sehr dezentem Schlagzeug, einem immer wiederholtem Keyboad-Thema und leiser, aber lauter werdender Gitarre. Nach der ersten Strophe folgt vor immer noch getragenem Hintergrund ein interessanter Bass-Teil. All dies findet vor dem sich wiederholenden, aber langsam in Lautstärke steigernden Keyboard-Thema statt. Hierdurch – und durch den eindringlichen Gesang – wird lange und langsam-stetig Spannung aufgebaut. Dies bleibt typisch im gesamten Song.
Sowohl das stellenweise jazzige Keyboard als auch Steve Morses Solo können begeistern. In der zweiten Hälfte ändert sich der Song etwas und erinnert vom Gesang, insgesamt thematisch, aber auch beispielsweise von Gitarrensolo her etwas an Roger Waters/Pink Floyd. Der Song ist insgesamt sehr abwechslungsreich, aber unglaublich stimmig. Jedes andere Urteil für Komposition und Ausführung „genial“ wäre hier untertrieben.

Gesamturteil

Auf dem Album befinden sich im Vergleich zu den überragenden Highlights auch schwächere, aber immer solide Songs. Es macht Lust auf mehr und es macht Lust auf Live. Dass die Songs im Vergleich zum ersten Album im Schnitt länger und weniger berechenbar sind hat Second Nature gut getan. Unter der gefälligen und eingängigen Oberfläche verbirgt sich – auch wieder im Vergleich zum Vorgänger – mehr Prog-Elemente. Wir hatten in unserem Tweet direkt nach dem ersten Hören geschrieben, dass das Album eine sinnvolle und gelungene Weiterentwicklung des ersten Albums sei – dies können wir auch nach wiederholtem Hören nur bestätigen. Second Nature ist eine deutliche Qualitätssteigerung und ein rundherum gelungenes Album. Gesamtnote: 9/10